Nein, Weintrinken rettet die Welt nicht. Wie wir sie damit trotzdem ein bisschen besser machen können.

Natürlich rettet der Genuss von Wein die Welt nicht vor Corona, Donald Trump und der Bild-Zeitung. Aber Genuss kann sie ein bisschen besser machen. Dazu eignen sich die Weine von Ludwig Knoll und Manfred Rothe ganz hervorragend. Aber dazu gleich mehr.

Zwei Anekdoten vorneweg. Die erste spielt an einem Abendbrottisch, um den zwei Familien sitzen. Die eine ernährt sich ausschließlich von Dingen, die sie im Discounter kauft – nicht weil sie muss, sondern weil sie der Meinung ist, dass das reicht. Die andere geht auf Märkte, backt Brot selber und holt Wurst und Fleisch beim Dorfmetzger. Der schlachtet selber, kennt seine Landwirte und kann jede Frage zu den Tieren beantworten.

Eine Salami, die diesen Namen verdient

Auf dem Tisch liegen nun die Lebensmittel der beiden Familien. Der Kochschinken in der Plastikverpackung neben der Rindersalami im Naturdarm. Die Rinder waren die meiste Zeit ihres Lebens im Freien, gefressen haben sie Gras. Die Wurst aus ihrem Fleisch ist würzig, die schmeckt nach was. Das Discounterkind greift danach, probiert eine Scheibe und verzieht das Gesicht. „Iiih, die ist ja scharf!“, kräht es. Und greift zum Kochschinken seiner Eltern. Wobei: Das Schinken zu nennen eine Beleidigung für jeden richtigen Metzger ist. Weintrinken rettet die Welt manchmal schon, wenn man nach einem guten Schluck in solchen Situationen ruhig bleibt…

Was hat das jetzt mit Ludwig und Manfred zu tun?

Gleich, erst noch Anekdote zwei. Unterhalten sich zwei Deutsche übers Essen. Sagt der eine: „Gestern war ich mit meiner Frau in einem Restaurant. Wir hatten zwei Vorspeisen, zwei Hauptspeisen, zwei Gläser Wein und alles hat nur 20 Euro gekostet. Das ist doch fair, oder?“ „Total fair“, erwidert der andere.

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Hier schlummert die Antwort auf die Frage, ob Weintrinken die Welt wirklich rettet.

Ich steh daneben und weiß nicht, was ich sagen sollt. Was ist an billigem Essen fair? Für wen? Warum geht man essen, wenn die größte Freude der kleine Preis ist? Ich will den beiden die Anekdote von Slow-Food-Gründer Carlo Petrini erzählen, in der er darüber referiert, dass doch alles was er esse, zu einem Teil von ihm werde. Aber alles andere, Unterhosen zum Beispiel, immer außerhalb von ihm bleibe.

Carlo Petrini versus Jair Bolsonaro

Aber ich bleibe stumm. Weil mir in Situationen wie diesen vor Unverständnis die Worte fehlen. So muss es meinen Nachbarn gehen, einem Autonarren, wenn er mir von seinen neuen Felgen oder den Sportsitzen in seinem BMW erzählt. Wir sind alle manchmal in sehr unterschiedlichen Welten unterwegs…

Weintrinken rettet die Welt? Naja…

Wie wir leben und konsumieren, lässt die Biosphäre auseinander krachen und die Arten sterben. Ich habe nun recht wenig Einfluss darauf, wenn etwa der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro den Regenwald im Amazonasgebiet zum Abschuss frei gibt. Aber bei dem, was ich esse, habe Tag für Tag die Wahl. Ich entscheide, ob für meine Wurst Tiere geknechtet werden, ein halbwegs ordentliches oder ein gutes Leben hatten – wenn sie auch am Ende alle sterben. Weintrinken rettet die Welt? Naja…aber wie wir sie damit ein bisschen besser machen können, darum geht es jetzt.

Achtsamkeit macht vieles besser

Das Zauberwort, um das ein bisschen besser zu machen, lautet Achtsamkeit. Bin ich dem gegenüber achtsam, was ich zu mir nehme, vergeht mir schnell der Appetit an billigem Mist. Das Problem dabei ist, dass industriell gefertigte Nahrung erst mal jedem schmeckt, das ist eines ihrer Grundprinzipien. Und das trifft auch auf Wein zu. Die millionenfach abgefüllten Tropfen der Großkellereien tun niemandem weh. Aber sobald man sich mit ihnen beschäftigt, ihnen gegenüber achtsam ist, beginnen sie zu langweilen.

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Ludwig Knoll vom Weingut am Stein erklärt die Maischegärung.

Und wenn Du an diesem Punkt bist, dann kommen Ludwig und Manfred ins Spiel und zwar in dieser Reihenfolge. Sie machen beide Weine, die anders sind…das geht im Weinberg los und im Keller weiter. Weil die Weine während ihres Werdens lange Zeit mit der Maische (und mit etwas Luft) in Kontakt sind, entwicklen sich andere Geschmacksnoten. Sie gehen weg von der Frucht und hin zur Würze. Außerdem haben sie deutlich mehr Tannin und dadurch eine andere Struktur und Grip auf der Zunge. Diese Weine sind ein haptisches Erlebnis – geschmacklich sind sie für den Ottonormalweintrinker gewöhnungsbedürftig.

Weine, die anders sind: Weingut am Stein

Zurück zu den Winzern: Ludwig heißt mit Nachnamen Knoll und betreibt zusammen mit seiner Frau Sandra das Weingut am Stein in Würzburg. Der Betrieb ist etabliert, Ludwig könnte sich zurücklehnen und den Erfolg genießen. Tut er aber nicht, er tüftelt. Weil er Weine machen will, die berühren, die inspirieren und nicht einfach nur gut reinlaufen. Dafür hat er einen Keller gebaut, in dem kosmische Energie gut fließen kann, in dem Betoneier stehen und Amphoren vergraben sind. Das klingt ein bisschen nach Hokuspokus und wer mit Wissenschaftlern darüber spricht, der bekommt Zweifelndes zu hören. Mag sein, aber die Weine sind fantastisch.

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Die Betoneier im Weingut am Stein stehen so, dass die kosmische Energie gut fließen kann.

Ludwig füllt keine reinen Amphorenweine ab. Er nutzt sie, um seine Topweine quasi zu würzen und sie um eine Dimension reicher zu machen. „Weine aus Amphoren sind nicht besser oder schlechter als andere“, sagt er. „Ich kann dem Wein durch sie vielleicht noch ein bisschen was mitgeben.“ Dadurch sind seine Weine deutlich anders, aber noch nicht so krass wie die von Manfred.

Weine, die anders sind: Weingut Rothe

Manfred, der in Nordheim am Main zuhause ist und dort das Weingut Rothe betreibt, hat dazu auch etwas Schönes gesagt: „Im Edelstahl ist die Normalität zuhause“, sagt er. In seinem Keller stehen zwar auch ein paar Stahltanks, Manfreds Herz aber schlägt für die alten Holzfässer und seine zwei eingegrabenen Amphoren, Quevris. In ihnen entstehen „Weine, die Zeit benötigen, für Menschen, die sich die Zeit nehmen.“

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„Natur auf feinste Art“ – der Inhalt dieser Kisten hat es in sich.

Die Weine von Ludwig und Manfred trinkt man nicht einfach so. Diese Weine fordern Aufmerksamkeit, ja Konzentration. Um sie genießen zu können, braucht es Erfahrung, Wertschätzung, Zeit, Ruhe, Achtsamkeit – und etwas Geld. Geschmack muss man lernen, und das fängt im Kindesalter an. Belohnt wird man mit einem Produkt, das in echter Handarbeit entstanden ist, das aus einem gesunden Weinberg stammt – und deutlich mehr auslöst, als nur einen Rausch. Wer sich für solche Weine interessiert, der lese in meinem Text über das Weinviertel in Österreich den Teil über Leopold Uibel.

Wem egal ist, was er in sich hineinstopft oder -schüttet, solange es nur billig ist, wem die Achtung vor dem Lebens-Mittel fehlt, der unterstützt Betriebe und Konzerne, die der Welt nicht gut tun. Wer sich hingegen Handwerkern zuwendet, die denken wie Ludwig und Manfred, die unternehmen einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Weintrinken rettet die Welt? Zugegeben: die Welt retten wir dadurch auch nicht. Aber ein kleines bisschen besser machen wir sie schon…

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